Machen und Lachen im Druckerviertel

Alte Drucktechniken sind zweifellos eine faszinierende Sache und nicht ohne Grund ist die Druckkunst mit ihren vielfältigen Techniken von der deutschen UNESCO-Kommission 2018 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Welch immense Bedeutung es hat, dass ein solches Kulturerbe und die damit verbundenen Traditionen von Menschen vor Ort lebendig gehalten werden, betonte am Eventwochenende der DruckerBande die Kulturwissenschaftlerin Dr. Dorothe Hemme. Ihre Begeisterung über das riesige Engagement der DruckerBande und die große Resonanz der Besucher stand der Wissenschaftlerin förmlich ins Gesicht geschrieben. Die DruckerBande, das sind Einbecker Kulturschaffende, Freunde und Bürger sowie Künstler und Handwerker aus Südniedersachen.

An dem Ort, in dem einst das „Einbecker Tageblatt“ als erste Einbecker Tageszeitung verlegt und gedruckt wurde, ist mit viel ehrenamtlichen Engagement eine offene Druckwerkstatt aus dem Boden gestampft, ein Stadtquartier belebt und mit Schwung in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt worden. Die DruckerBande präsentierte sich am vergangenen Wochenende erstmalig der Öffentlichkeit als offene historische Druckwerkstatt, die ausdrücklich zum Mitmachen einlädt. Die seit Jahrhunderten bewegende Druckkultur konnte und kann genau dort entdeckt werden, wo sie in Einbeck einst Geschichte geschrieben hat. Mit der „SesamPressse“ hat die DruckerBande eine reichhaltig ausgestattete Druckwerkstatt aus Lohfelden bei Kassel zu großen Teilen nach Einbeck umgezogen, diese mit dem noch in großem Umfang vorhandenen Sortiment an Typen der J. Schroedter’s Buchdruckerei zusammengeführt und so eine funktionsfähige offene Werkstatt geschaffen, in der jetzt ein jeder in das Handwerk der „Schwarzen Kunst“ eintauchen kann. Die Druckkunst hat damit in Einbeck ein sicht- und erlebbares Zuhause gefunden und die Einbecker können sich auf ein Workshop- und Veranstaltungsprogramm freuen.

Auftaktwochenende

Den musikalischen Auftakt präsentierte inmitten alter Druckmaschinen am Freitagabend das Konzert- und Kulturhaus TangoBrücke gemeinsam mit der Druckerei Heimert Elements. Die Kölner Jazzformation Soulcrane füllte die von der Straße her in blaues Licht getauchte offene Druckwerkstatt mit tiefgründigen Jazzklängen.

Am Samstag zog dann eine gebündelte und umfangreiche Handwerkerschar aus dem Bereich des graphischen Gewerbes viele junge und alte Besucher in ihren Bann.

Das Medium für den Druck ist das Papier. Handgeschöpftes Papier konnte man dann auch mit der Naturwerkstatt Fredelsloh selbst produzieren. Pulp (Zellstoff) aus alten Zeitungen und Wasser, gewalkt mit einer alten Wäschemangel wurden im Nu zu bunten neuen Papierbögen, die von den spontanen Papiermachern wie T-Shirts zum Trocken auf die bereitgestellten Wäscheständer gehängt wurden.

Die Buchbinderin Renate-Katrin Zimmermann von der Unikate Buchwerkstatt aus Göttingen hat samt Auszubildenden Tim an ihrem Stand Jung und Alt begeistert. „Ich wollte schon immer wissen wie ein Buch gemacht wird.“ so die vierjährige Carlotta. Am laufenden Band hielten Kinder voller Stolz ihr selbst gebundenes Minibüchlein in den Händen, für das sie im Vorfeld auch noch an der Prägestation den Buchumschlag mit ihren Namen versehen konnten. Die Buchbindermeisterin war vom belebten Tag und dem ausgesprochen interessierten Einbecker Publikum fasziniert und möchte unbedingt wiederkommen und Workshops in der DruckerBande anbieten.

Klonk, klonk, klick ertönte es fortwährend, wenn Formstecher Wilfried Hentschel mit seinem Werkzeug die Messingbänder in die vorgezeichnete Bebilderung auf dem Trägerholz schlug. Dutzende Besucher blieben stehen und konnten die Arbeit des Formstechers live erleben, ein Handwerk, das heute nahezu ausgestorben ist. Ohne dieses Handwerk waren beispielsweise Muster auf Tapetenbahnen bis Mitte der 70er Jahre undenkbar und auch die Blaudruckmodeln waren regelmäßig die Werke der alten Formstechermeister.

Mitmachen aber auch intensives Netzwerken war Programm am Wochenende. Zahlreiche Besucher outeten sich als Drucker, Setzer und Buchbinder. „Expertise ist immer noch da!“ freut sich Mitinitiatorin Patricia M. Keil und die DruckerBande ist gespannt auf weitere ehrenamtliche Mitstreiter auch von handwerklicher Seite.

Eine nachhaltige und spannende Hochdrucktechnik hat die Einbecker Graphikerin Rabea Richter mit dem Tetrapak-Druck präsentiert. Vielfältige Motive, Ornamente, Bilder und der eine oder andere verdrehte Buchstabe wurden in Tetrapack (aufgeschnittene Milchtüten) mit Bleistift graviert, schraffiert und ausgeschnitten – und die so entstandenen Klischees konnten dann mit der Andruckpresse durch die Besucher aufs Papier gedruckt werden.

Barbara Brübach alias FETTETYPEN aus Hann. Münden hat als Mitinitiatorin von Beginn an viel Engagement und Tatkraft in die Entwicklung der DruckerBande investiert. Sie druckt und setzt seit 2015 auf dem technischen Stand um 1960 mit beweglichen Lettern aus Holz und Blei a la Gutenberg und erklärte den interessierten Besuchern unermüdlich die alten Maschinen und Werkzeuge. Auf der Korrex Baujahr 1963 fertigte sie mit und für die Besucher amüsante Typographiken. Sie war es auch, die dem Kind bzw. der Initiative den Namen DruckerBande verliehen hat.

„Blau machen“ konnte man mit Patricia Keil am Experimentierstand vom Einbecker Blaudruck direkt vor der Tür der DruckerBande. Durch aktives Färben erlebten die Besucher die faszinierende Verwandlung der mit Indigo gefärbten weißen Stoffe von Grün zu Blau. Eine Farbverwandlung, die durch die Reaktion mit Sauerstoff entsteht. Nach alter japanischer Shibori Technik konnten die Teilnehmer durch Wickeln und Klammern wunderschöne Motive auf den Stoff bringen.

Podiumsdiskussion: Am Samstag stand ab 17 Uhr dann zum Abschluss eine spannende Podiumsdiskussion zum Thema „Quartiers- und Stadtteilentwicklung inspiriert und initiiert durch aktive lokale Kulturschaffende“ auf dem Programm. In der fachlich gut aufgestellten Runde waren Alexander Kloss (parteiloses Einbecker Ratsmitglied), Dr. Dorothee Hemme (Kulturwissenschaftlerin), Sebastian Becker (Innovationbeauftragter der Volksbank Einbeck / Seesen), Ulf Ahrens (Blaudrucker), Barbara Brübach (Buchdruckkünstlerin / FETTETYPEN) und Patricia Keil (freie Kulturschaffende und Künstlerin) vertreten. Krankheitsbedingt nicht mit dabei sein konnte der Entwickler des Druckerviertels Volker Stix vom Büro ZeitRaumGestaltung. Moderiert wurde die Runde durch den freien Kulturschaffenden Martin Keil. Auch aus dem Publikum konnten viele wertvolle Wortbeiträge gesammelt werden. Die konstruktiven Beiträge sind unter www.druckerviertel.de in strukturierter Form nachzulesen

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